Fonte: Weser Kurier

Yvan Sagnet hat nach einem Aushilfsjob auf den Feldern Apuliens den ersten Migrantenstreik in der italienischen Landwirtschaft angeführt.

Herr Sagnet, seit Oktober vergangenen Jahres ist in Italien ein Gesetz in Kraft, mit dem die Ausbeutung von Erntehelfern mit bis zu sechs Jahren Haft bestraft wird. Trotzdem arbeiten auf den Feldern noch immer tausende Migranten unter unwürdigen Bedingungen. Warum funktioniert das Gesetz nicht? 

Yvan Sagnet: Das Gesetz hat schon Früchte getragen, aber nicht so weitreichend, wie ich es mir gewünscht hätte. Es greift erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist und wirkt nicht präventiv. Die Bauern und Mittelsmänner nutzen aus, dass viele der Migranten illegal in Italien sind. Sie erpressen die Arbeiter damit sie anzuzeigen, wenn sie sie verpfeifen. Deswegen trauen sich viele nicht, zur Polizei zu gehen und haben Angst, dass sie zurück in ihr Heimatland oder nach Libyen müssen. Die Mafia nutzt diese Verwundbarkeit der Geflüchteten schamlos aus. Es schützt auch nicht die Italiener vor den Verhältnissen, die zum Teil ja auch davon betroffen sind. Trotzdem wurden seit der Einführung des Gesetzes schon etwa 600 Menschen verhaftet, das ist zumindest ein kleiner Erfolg. Die meisten davon sind aber erst aufgeflogen, als jemand den Mund aufgemacht hat.

Gibt es denn keine Kontrollen?

Das würden wir uns wünschen, doch de facto ist der Staat nicht präsent auf den Feldern. Es gibt kaum Vorab-Kontrollen. Die Behörden sind alle Teil des Systems. Das hilft der Wirtschaft und der Politik. Die Besitzer der Felder sind nämlich häufig diejenigen, die nachher politische Kampagnen finanzieren. Aber auch auf internationaler Ebene verschließt man davor die Augen. Jeder weiß davon, aber keiner handelt.

Sie schon. 2011 haben Sie den ersten Migranten-Streik auf italienischen Feldern geführt und die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt. Was haben Sie während dieser Zeit erlebt? 

Ich bin 2008 mit einem Studentenvisum von Kamerun nach Italien gekommen und habe in Turin Ingenieurwissenschaften studiert. 2011 brauchte ich Geld, um mein Studium auch weiterhin finanzieren zu können, und bin deshalb nach Nardò in Apulien gegangen, wo ich als Erntehelfer arbeiten wollte. Ich habe gedacht, dort werde ich vernünftig untergebracht und verdiene einen fairen Lohn. Doch ich habe die dunkle Seite Italiens kennengelernt.

Inwiefern?

Ich traf dort auf die sogenannten Caporali. Das sind Arbeitsvermittler, die für die Landwirte während der Erntezeit Personal anwerben. Unter ihnen arbeiten sowohl Italiener, als auch Migranten, die dann ihre Landsleute ansprechen. Sie haben mich damals in ein Ghetto gebracht, in dem rund 800 Menschen lebten. Dort war man kaum von der Sonne geschützt und war ständig der Hitze ausgesetzt. Es gab insgesamt nur fünf Toiletten. Wer duschen oder zur Toilette wollte, musste sich für mehrere Stunden anstellen. Diese Camps liegen meistens abgelegen in der Nähe zu den Feldern. Wer etwas zu Essen oder zu Trinken benötigt, ist auf die überteuerten Preise der Caporali angewiesen. Diese Männer fühlen sich in ihrer Position unglaublich mächtig und lassen das die Arbeiter auch spüren. Unser Mittler hat sich gerne mit Silvio Berlusconi ansprechen lassen.

Wie waren die Arbeitsbedingungen auf den Feldern? 

Wir wurden mitten in der Nacht mit Kleinbussen abgeholt. Die Sitze hatte man raus gerissen, um 25 bis 30 Leute in den Bus quetschen zu können. Die Fenster waren verdunkelt, damit die Polizei nicht sieht, wie viele Menschen damit wirklich befördert werden. Für die Busfahrt zum Feld mussten wir jeder fünf Euro bezahlen. Wer selbst mit dem Rad fahren oder zu Fuß gehen wollte, wurde sofort entlassen. Ich habe auf Tomatenfeldern gearbeitet. Bezahlt wurden nur volle Kisten – für die gab es 3,50 Euro das Stück. Eine Kiste umfasst 300 Kilo Tomaten. Wir haben etwa zwölf bis 14 Stunden am Tag auf den Feldern gearbeitet.  An meinem ersten Tag habe ich vier Kisten geschafft. Es kommt darauf an, wie schnell du bist. Wenn man etwas länger dabei ist, beträgt das Durchschnitts-Bruttogehalt zwischen 20 und 25 Euro am Tag. Davon muss man ja aber die Kosten für den Bus und die Verpflegung abrechnen. Deswegen blieben eigentlich nur zehn bis 15 Euro am Tag übrig.

Zum Vergleich: Was verdienen Erntehelfer mit einem regulären Arbeitsvertrag? 

Sie werden per Gesetz pro Stunde oder Tag bezahlt. Für etwa sechseinhalb Stunden Arbeit verdienen sie zwischen 50 und 55 Euro.

Gab es während der Arbeitszeit ausreichend Schutzkleidung für die Erntehelfer? 

Es kommt oft vor, dass die Arbeiter auf dem Feld krank werden. Wir haben dort so viele Stunden in der blanken Sonne gearbeitet. Viele sind aufrund von Dehydrierung erschöpft zusammengebrochen. Auch die Pestizide machen einem zu schaffen, wenn man ohne Schutzkleidung damit arbeitet. Einige sind davon ohnmächtig geworden. In diesen Gebieten hat man keinerlei Handy-Empfang, um einen Arzt zu rufen und Krankenwagen fahren sowieso nicht so weit raus. Die Caporali hat es sogar gefreut, wenn jemand ohnmächtig geworden ist, weil sie sich dann mehr Geld einbehalten durften. Das ist genau das, was ich als Sklaverei bezeichnen würde. Nach fünf Tagen habe ich mich deshalb entschieden, zum Streik aufzurufen.

Was haben Sie sich davon versprochen?

Ich wollte einfach mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Diese Verhältnisse gibt es überall in Italien, nicht nur im Süden. Die Saisonarbeiter bewegen sich ständig durch das Land. Allein in der Provinz Foggia helfen im Sommer etwa 40 000 Menschen bei der Tomatenernte. Ich bin ja eher zufällig über dieses Problem gestolpert. Doch diese Erfahrung hat mein Leben komplett verändert. Ich bekomme ständig Morddrohungen. Vor drei Jahren ist sogar auf mich geschossen worden. Aber meine Motivation ist größer, als die Angst. Die erste Phase haben wir mit dem Streik und der rechtlichen Grundlage geschafft. Mein Verband und ich wollen nun in die zweite Phase starten.

Die Sie sich wie vorstellen?

80 Prozent der Erntehelfer in Italien arbeiten derzeit unter irregulären Bedingungen. Das betrifft sowohl Migranten, als auch die Italiener selbst. Wir wollen erreichen, dass sich der Arbeitsmarkt komplett wandelt. Dass die Arbeitgeber endlich die Verträge und das Gesetz einhalten. Die letzten Flüchtlingswellen haben zu noch mehr Spannungen unter den sozial schlechter gestellten Menschen geführt.

Früher waren es vor allem die Bulgaren und Rumänen, die auf den Feldern gearbeitet haben. Die neu ankommenden Afrikaner arbeiten zum Teil für noch weniger Geld. Die Caporali gehen mittlerweile gezielt in die Flüchtlingsunterkünfte und werben Leute an. In der Bevölkerung entstehen dadurch natürlich Vorurteile, aber die Menschen müssen verstehen, dass nicht die Migranten das Problem sind, sondern das System.

Dass wahrscheinlich nicht nur aus den einzelnen Farmern besteht? 

Genau. Dahinter stecken multinationale Konzerne. Deshalb habe ich auch den Verband gegründet. Unser Ziel ist es, der großen Wirtschaft entgegenzutreten. Die Supermarkt- und Discounterketten treiben die Preise für Orangen oder Tomaten derart in den Keller, dass die kleinen Landwirte selbst so wenig daran verdienen, dass es nur logisch ist, dass sie ihre Arbeiter so schlecht bezahlen. Das ist eine Folge der Globalisierung der Märkte.

Und wie wollen Sie dem entgegentreten? 

Unser Ziel ist es, dass irgendwann alle Produkte zertifiziert werden und man die Garantie erhält, dass das Obst und Gemüse frei von Mafia-Geschäften, Umweltverschmutzungen und Sklaverei ist. Uns muss bewusst werden, dass wir mit dem Kauf dieser Lebensmittel die Sklaverei praktisch mitfinanzieren. Wir wollen die Organisation so groß machen, dass sie international aktiv wird und Produkte prüft. Dafür haben wir verschiedene Kriterien entwickelt. Beispielsweise wollen wir wieder mehr lokale Produzenten unterstützen. Wenn meine Tomate aus Asien kommt, habe ich keinerlei Wissen darüber, unter welchen Umständen sie angebaut und geerntet wurde. Wir schätzen, dass 50 bis 60 Prozent der nach Deutschland exportierten Tomaten unter schlechten Arbeitsbedingungen geerntet wurden. Nur der Konsument kann mit seiner Kaufentscheidung daran etwas ändern.

Doch auch Sie werden Geld für Ihr Vorhaben brauchen. Wie wollen Sie das finanzieren? 

Wir stehen noch ganz am Anfang. Momentan haben wir 20 Mitarbeiter, wenn wir eine umfassende Kontrolle durchführen wollen, brauchen wir etwa 4000 Angestellte. Wir haben schon einige kleinere Projekte ins Laufen gebracht, wo Italiener und Auswärtige zusammen Orangen produzieren und verkaufen. Langfristig wollen wir uns durch die Konsumenten finanzieren, die für die geprüften Produkte ein paar Cent als Abgabe an den Verband zahlen. Wir versuchen jetzt, einen Markt für diese Qualitätsprodukte zu finden, und sprechen mit vielen Produzenten.

Eine ambitionierte Aufgabe, die Sie sich vorgenommen haben. 

Man kann nicht sagen, wie lange es dauert, bis die Gesellschaft umdenkt. Das könnte morgen sein, es könnte aber auch nie sein. Trotzdem wollen wir unsere eigene kleine Revolution gegen die Konzerne weiterführen. Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren ein Netzwerk aufgebaut haben und vielleicht in zehn Jahren die regelmäßigen Kontrollen stattfinden. Das kommt auch darauf an, wie die Konsumenten darauf reagieren und wie die Unternehmen sich verhalten. Es kann sein, dass ich die Resultate dieser Arbeit nie selbst miterleben werde. Aber ich hoffe, damit wenigstens die Grundlage für eine Veränderung geschaffen zu haben.

Die Fragen stellte Kristin Hermann.

Zur Person: 

Yvan Sagnet ist 2008 mit einem Studentenvisum von Kamerun nach Italien gekommen, um in Turin Ingenieurwissenschaften zu studieren. Bei einem Aushilfsjob auf den Feldern Apuliens hat Sagnet den ersten Migrantenstreik in der italienischen Landwirtschaft angeführt. Nachdem er anschließend vier Jahre für eine Gewerkschaft arbeitete, gründete der 32-Jährige den Verband „No Cap“, der sich seitdem gegen die Ausbeutung von Erntehelfern einsetzt. Sagnet lebt in Rom.